FUNKE-Verlegerin Julia Becker schlägt Alarm: Gewalt gegen Journalistinnen und Journalisten in Deutschland sei längst zum Alltag geworden. Im Podcast „Ronzheimer“ sprach sie über die Angriffe bei den Protesten gegen den AfD-Bundesparteitag in Erfurt – und über den Preis, den unabhängiger Journalismus dafür zahlt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Julia Becker, Aufsichtsratsvorsitzende der FUNKE Mediengruppe, äußerte sich im Podcast „Ronzheimer“ von Bild-Vizechefredakteur Paul Ronzheimer zur zunehmenden Gewalt gegen Journalisten.
  • Anlass waren die Angriffe auf Journalisten des Nachrichtenportals Apollo News während der Proteste gegen den AfD-Bundesparteitag in Erfurt.
  • Becker berichtete, dass ihr Verlag Mitarbeitende bei Einsätzen bei AfD-Demonstrationen inzwischen von privatem Sicherheitspersonal begleiten lässt.
  • Sie ordnete Angriffe auf Journalisten als direkten Angriff auf die Pressefreiheit ein.
  • Becker äußerte sich zudem selbstkritisch zur Rolle der Medien im Umgang mit der AfD.

Was ist passiert? Der Auslöser der Debatte

Am Rande des AfD-Bundesparteitags in Erfurt kam es kürzlich zu Übergriffen auf Journalisten des Portals Apollo News, die bei den Begleitprotesten im Einsatz waren. Der Vorfall sorgte bundesweit für Aufsehen und rückte erneut die Frage in den Fokus, wie sicher Pressearbeit in Deutschland aktuell noch ist.

Julia Becker, die als Aufsichtsratsvorsitzende der FUNKE Mediengruppe eine der einflussreichsten Verlegerinnen Deutschlands ist, äußerte sich dazu im Podcast „Ronzheimer“ des Bild-Vizechefredakteurs Paul Ronzheimer. Ihre Aussage sorgte für Diskussionen: Was in Erfurt geschehen sei, erlebe man in Thüringen bereits seit Jahren.

„Das erleben wir in Thüringen seit Jahren“

Becker beschrieb im Gespräch mit Ronzheimer, dass Angriffe auf Pressevertreter am Rande von AfD-Demonstrationen für ihren Verlag längst keine Ausnahme mehr seien. Journalistinnen und Journalisten, die mit sichtbarer Kamera oder Presseweste bei solchen Veranstaltungen arbeiten, würden gezielt angegriffen.

Besonders bemerkenswert: Laut Becker begleitet die FUNKE Mediengruppe ihre Mitarbeitenden bei solchen Einsätzen inzwischen routinemäßig mit privatem Sicherheitspersonal, um sie zu schützen. Trotz dieser Schutzmaßnahmen komme es weiterhin zu körperlichen Übergriffen.

Angriffe auf Journalisten als Angriff auf die Pressefreiheit

Für Becker ist die Botschaft dahinter eindeutig: Wer Journalisten angreift, greift die Pressefreiheit selbst an. Sie wehrte sich in dem Gespräch zugleich gegen eine Gleichsetzung von Medien und Politik, die in Teilen der Öffentlichkeit häufig vorgenommen werde. Medienschaffende würden ihre Aufgabe ernst nehmen und auch unbequeme Fragen stellen, wenn es die Situation erfordere.

Diese Einordnung reiht sich in eine wachsende Debatte um die Sicherheit von Pressevertretern in Deutschland ein, die insbesondere im Umfeld von Versammlungen am rechten Rand des politischen Spektrums immer wieder aufflammt. Presse- und Journalistenverbände beklagen seit Jahren eine steigende Zahl tätlicher Angriffe und verbaler Bedrohungen gegen Medienschaffende bei solchen Anlässen.

Selbstkritik: Medien hätten nicht genau genug hingeschaut

Bemerkenswert an Beckers Aussagen war auch ihr selbstkritischer Blick auf die eigene Branche. Sie räumte ein, dass der Journalismus in der Vergangenheit bei bestimmten gesellschaftlichen Problemen nicht immer genau genug hingesehen habe – ein Versäumnis, das ihrer Einschätzung nach auch zum Erstarken der AfD beigetragen habe. Diese Verbindung von Kritik an der eigenen Zunft und klarer Verteidigung der Pressefreiheit macht ihre Position im aktuellen Diskurs besonders.

Wer ist Julia Becker?

Julia Becker ist Verlegerin und Aufsichtsratsvorsitzende der FUNKE Mediengruppe, einem der größten deutschen Medienkonzerne mit zahlreichen Regional- und Boulevardzeitungen sowie Zeitschriften. Ihre Äußerungen im Podcast „Ronzheimer“ fanden im Rahmen eines längeren Gesprächs über die Bedeutung des Lokaljournalismus, die Zusammenarbeit unterschiedlicher Medienhäuser sowie über Distanz und Nähe zwischen Medien und Politik statt.Julia Becker

Warum das Thema gerade jetzt relevant ist

Angriffe auf Journalisten bei politischen Demonstrationen sind kein neues Phänomen, doch die Häufigkeit und Intensität solcher Vorfälle nimmt nach Einschätzung vieler Medienvertreter zu. Der Fall der Apollo-News-Journalisten in Erfurt zeigt exemplarisch, wie schnell Berichterstattung vor Ort in eine gefährliche Situation umschlagen kann – unabhängig davon, aus welchem publizistischen Lager die betroffenen Journalisten kommen.

Beckers Aussagen verdeutlichen, dass große Medienhäuser inzwischen strukturelle Vorkehrungen treffen müssen, um ihre Mitarbeitenden vor Ort zu schützen. Das wirft grundsätzliche Fragen auf: Wie weit muss journalistische Arbeit unter Polizeischutz oder privater Security stattfinden, damit Pressefreiheit in der Praxis noch gewährleistet werden kann?

Fazit

Julia Beckers Einschätzung, Angriffe auf Journalisten seien „mittlerweile normal“ geworden, ist eine deutliche Warnung aus der Chefetage eines der größten deutschen Medienhäuser. Sie macht klar, dass es sich nicht um Einzelfälle handelt, sondern um ein strukturelles Problem, dem Verlage inzwischen mit eigenen Sicherheitskonzepten begegnen müssen. Gleichzeitig mahnt sie zur Selbstreflexion innerhalb der Medienbranche – ein Balanceakt zwischen Verteidigung der Pressefreiheit und kritischer Aufarbeitung eigener Fehler.