Nach knapp vier Jahren als deutscher Botschafter in Israel geht für Steffen Seibert eine prägende und vielfach umstrittene Amtszeit zu Ende. Der frühere Regierungssprecher von Bundeskanzlerin Angela Merkel und ehemalige ZDF-Moderator des „heute-journal” verlässt seinen Posten in Tel Aviv planmäßig zum altersbedingten Ruhestand, begleitet von Würdigungen ebenso wie von scharfer Kritik. Sein Nachfolger steht bereits fest: Alexander Graf Lambsdorff, bislang Botschafter in Moskau.

Vom Fernsehstudio in die Politik, von der Politik zur Diplomatie

Steffen Seibert, geboren am 7. Juni 1960, war über elf Jahre lang, von 2010 bis 2021, Sprecher der Bundesregierung unter Angela Merkel und damit eine der bekanntesten Stimmen der deutschen Politik. Im August 2022 wechselte er auf einen der diplomatisch sensibelsten Posten überhaupt: das Amt des deutschen Botschafters in Israel. Verheiratet mit Sophia Gundelach und Vater von drei Kindern, übernahm er die Vertretung Deutschlands in einer Zeit, die kaum herausfordernder hätte sein können.

Bereits im ersten Amtsjahr erlebte Seibert im Sommer 2022 einen kurzen Krieg zwischen Israel und dem Palästinensischen Islamischen Dschihad im Gazastreifen für ihn das erste Mal, dass er Sirenen hörte und Schutzräume aufsuchen musste. Es sollte nicht das letzte Mal bleiben.

Der 7. Oktober und die Zäsur seiner Amtszeit

Der Hamas-Terrorangriff vom 7. Oktober 2023 veränderte nach eigenen Worten Seiberts gesamte Wahrnehmung seines Postens. In einem Gespräch mit der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland beschrieb er das Ausmaß der Grausamkeit als zuvor unvorstellbar. Deutschland habe danach klargestellt, fest an der Seite des angegriffenen Israels zu stehen eine Linie, die sowohl der damalige Kanzler Olaf Scholz bei seinem Besuch im Oktober 2023 als auch später Außenminister Johann Wadephul bei seinem Antrittsbesuch im Mai 2025 bekräftigt hätten.

Gleichzeitig betonte Seibert wiederholt die humanitäre Notlage der Zivilbevölkerung in Gaza eine Doppelbotschaft, die ihm in Israel nicht nur Zustimmung einbrachte.Steffen Seibert

Wiederkehrende Spannungen mit Jerusalem

Seiberts Amtszeit war geprägt von mehreren öffentlichen Kontroversen mit israelischen Stellen:

Die Justizreform-Affäre (2023): Als Seibert im September 2023 als Besucher an einer Verhandlung des Obersten Gerichts zur umstrittenen israelischen Justizreform teilnahm, wertete Israel dies als Einmischung in innere Angelegenheiten. Botschafter Ron Prosor legte beim Auswärtigen Amt in Berlin offiziell Beschwerde ein.

Der Weihnachts-Tweet (2024): Zu Weihnachten 2024 sorgte ein Post Seiberts für Aufsehen, in dem er Berichte über im Gazastreifen erfrorene Babys mit der Weihnachtsgeschichte und dem Licht von Chanukka in Verbindung brachte. Er äußerte zudem, nicht zu glauben, dass alle Ärzte im Gazastreifen lögen Formulierungen, die scharfe Kritik des israelischen Außenministeriums nach sich zogen.

Der Streit um Relativierung (2025): Auch ein späterer Tweet, in dem Seibert nach einem Hisbollah-Angriff auf einen israelischen Bauern zugleich „gewalttätige Ausschreitungen von Siedlern” thematisierte, löste eine ungewöhnlich scharfe öffentliche Reaktion des israelischen Außenministeriums aus. Es warf ihm vor, wiederholt kein echtes Mitgefühl mit den Israelis gezeigt zu haben. Außenminister Gideon Sa’ar mahnte Seibert persönlich, ihm falle es schwer, Angriffe auf Israelis zu verurteilen, ohne zugleich die Palästinenser zu erwähnen.

Kritiker in Deutschland und Israel zogen wiederholt Parallelen zu Christoph Heusgen, einem weiteren langjährigen Vertrauten Merkels, der als deutscher UN-Botschafter ebenfalls für Kontroversen im Verhältnis zu Israel gesorgt hatte.

Die andere Seite: Engagement und persönliche Anteilnahme

Trotz der wiederkehrenden Reibungen betonten Wegbegleiter auch Seiberts persönliches Engagement. Anlässlich des 60. Jahrestags der deutsch-israelischen diplomatischen Beziehungen im Mai 2025 sprach er von einer „zweiten Chance der Geschichte” und davon, dass das deutsch-israelische Verhältnis zeige, wie aus Trümmern Neues erwachsen könne. Er nahm an der Beerdigung von Yaron Lishinsky teil, einem jungen Mitarbeiter der israelischen Botschaft, der zusammen mit seiner Partnerin in Washington ermordet wurde, und sprach offen über seine Sorge angesichts wachsenden Antisemitismus weltweit.

Im Oktober 2025, als sich ein Durchbruch bei den Verhandlungen zur Freilassung der Geiseln und zur Beendigung des Gaza-Kriegs abzeichnete, schrieb Seibert auf der Plattform X, er könne es kaum erwarten, dass die Geiseln freikämen und der Krieg ende, und sei voller Energie, sich für Frieden und Wiederaufbau einzusetzen.

Er beschrieb seine Rolle nicht allein als die eines Berichterstatters nach Berlin, sondern als öffentliche Diplomatie unter den Menschen Israels einer Gesellschaft, die er als Mosaik aus Juden, säkularen wie ultraorthodoxen Gläubigen, Muslimen, Christen und Drusen beschrieb.

Der politische Hintergrund seines Abschieds

Nach dem Regierungswechsel zu Bundeskanzler Friedrich Merz im Frühjahr 2025 war zunächst unklar, ob Seibert im Amt bleiben würde. Merz, ein langjähriger innerparteilicher Gegenspieler Merkels, hatte signalisiert, das Verhältnis zu Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu deutlich entkrampfen zu wollen, etwa durch eine mögliche Einladung zu einem Staatsbesuch in Deutschland. Aus Seiberts Umfeld hieß es zunächst, er wolle bis August 2026 im Amt bleiben.

Anfang 2026 wurde dann jedoch im Zuge einer größeren Rotation deutscher Spitzenbotschafter bekannt, dass Seibert plangemäß und altersbedingt in den Ruhestand gehen werde. Berichten von „Spiegel” und „Table.Media” zufolge soll Alexander Graf Lambsdorff, derzeit Botschafter in Moskau und früherer FDP-Europaabgeordneter, die Nachfolge in Tel Aviv antreten. Lambsdorff gilt als ausgewiesener und langjähriger Unterstützer Israels, der unter anderem die Vereinten Nationen wegen einseitiger Haltung gegenüber dem jüdischen Staat kritisiert hatte. In Diplomatenkreisen wird erwartet, dass er in Israel auf einen vergleichsweise warmen Empfang trifft.

Reaktionen auf den Abschied

Die Reaktionen auf Seiberts bevorstehenden Abschied fallen denkbar gespalten aus. Während ihm Teile der israelischen Öffentlichkeit und pro-israelische Stimmen in Deutschland vorwerfen, das deutsch-israelische Verhältnis durch wiederholte Relativierungen belastet zu haben, würdigen andere sein persönliches Engagement, seine Präsenz vor Ort während der Kriegsjahre und sein Bemühen, mit allen Bevölkerungsgruppen Israels im Gespräch zu bleiben.

Aus israelischen Regierungskreisen war zuletzt zu hören, man blicke der Ankunft eines Nachfolgers entgegen, der die israelisch-deutschen Beziehungen stärken werde eine Formulierung, die viele als unverhohlene Distanzierung von Seiberts Amtsführung lasen.

Ausblick

Mit Seiberts Abschied endet eine Botschafterzeit, die untrennbar mit den dramatischsten Ereignissen der jüngeren israelischen Geschichte verbunden ist: dem Massaker vom 7. Oktober 2023, dem darauffolgenden Krieg in Gaza, der Geiselkrise und schließlich den Verhandlungen, die im Herbst 2025 zu einem Durchbruch in Richtung Kriegsende führten. Ob sein Nachfolger Alexander Graf Lambsdorff einen spürbar anderen Ton anschlägt, dürfte sich in den kommenden Monaten zeigen die deutsch-israelischen Beziehungen bleiben angesichts der Lage im Nahen Osten und der innenpolitischen Neuausrichtung unter Kanzler Merz ein hochsensibles Feld deutscher Außenpolitik.